„Kritik kommt so oder so”
Wie agierte das Robert Koch-Institut in der EHEC-Krise? Ein Interview mit der Pressesprecherin Susanne Glasmacher über ihre Erfahrungen mit Journalisten.
EHEC scheint schon eine Ewigkeit her. Dabei herrschte bei dem bisher schwersten Ausbruch in Deutschland über Wochen medialer Großalarm. Wie dramatisch war der Journalistenansturm am Robert-Koch-Institut?
Bei akuten Seuchenlagen kann der schon mal heftig werden. Bei EHEC hatten wir in der heißen Phase einen Durchschnitt von 67 Presseanfragen am Tag, den Spitzenwert erreichten wir am 3. Juni mit 126 Presseanfragen. Insgesamt hatten wir im Mai und Juni 1825 Medienanfragen zum Thema EHEC.
Nach welchen Regeln sortieren Sie die Anfrageflut?
Das Kunststück besteht im Krisenfall darin, dass die wichtigen Medien durchkommen. Wir versuchen also zunächst möglichst viele Telefonnummern anzubieten. Wenn alle Telefonleitungen belegt sind, dann schicken die meisten Journalisten heute eine Email. Das E-Mail-Pressepostfach wird ständig gesichtet.
Bedienen Sie alle Medienanfragen der Reihe nach?
Natürlich versuche ich zu priorisieren, es geht manchmal nicht ohne. Ich schaue dann nach Reichweite und Bedeutung des Mediums. Die Tagesschau zum Beispiel rufe ich natürlich sofort zurück, auch Agenturen sowie die großen Tages- und Wochenzeitungen oder den bundesweiten Rundfunk. Die genießen schon eine Priorität, aber eine Rangliste gibt es nicht. Wünschen würde ich mir manchmal mehr Koordination von Journalistenanfragen aus ein und demselben Medium. Wenn innerhalb von wenigen Stunden vier verschiedene Journalisten aus einer renommierten Nachrichtenredaktion anrufen, dann nervt das schon mal. Die Zeit fehlt ja dann auch anderen. Nicht alle Journalisten scheinen sich bewusst zu machen, dass in akuten Seuchenlagen auch hier am Robert Koch-Institut „die Hütte brennt.“
Sie vertreten am Robert Koch-Institut die „Eine-Stimme-Politik.“ Für Journalisten gibt es Zugriff auf Fachleute allein über die Pressestelle. Behindert diese Haltung nicht kritische Recherchen von Journalisten?
Recherchen behindern wollen wir natürlich nicht. Aber es wäre fatal, wenn sich unsere Experten öffentlich unterschiedlich äußern würden. Dann wäre schnell die Akzeptanz gefährdet. Es kommt vor, dass Journalisten direkt Experten im Haus anfragen, die aber nicht geeignet oder zumindest in dieser Situation nicht geeignet sind, oder aktuell einfach nicht da sind oder keine Zeit haben. Wenn eine Anfrage über die Pressstelle geht und wir die Eilbedürftigkeit kennen, fassen wir auch bei den Fachkollegen nach, wenn sich einer nicht meldet. Eine Rolle spielt auch ein Aspekt, den Journalisten oft nicht verstehen. Ich versuche natürlich, die Flut der Anfragen von der Fachebene fernzuhalten, weil die in einer Seuchenlage einfach ihre fachliche Arbeit machen müssen. Das hat klar Vorrang. Wir sind ja auch schon dafür kritisiert worden, warum wir nach einer Woche den Erreger noch immer nicht aufgespürt hatten. Wenn man in einer solchen Lage zu viele Presseanfragen an die Fachebene durchstellte, dann würde sich die Aufklärung zusätzlich verzögern.
Mancher Kollege beklagt, zentrale Experten am RKI wären zeitweise komplett abgeschirmt gewesen...
Das ist immer eine Gratwanderung. Die begehrtesten Experten sind im Seuchenfall schließlich dieselben Leute, die wichtige Entscheidungen treffen müssen. Zwar kann man nicht ausschließen, dass einzelne Journalisten auch mal unzufrieden waren. Ich denke aber schon, dass wir das einigermaßen hingekommen haben. Die Presseanfragen, die fachlich waren, wurden in der Regel weitergeleitet und nach Rückmeldung der Fachebene durch die Pressestelle beantwortet. Das hat für die Medien auch den Vorteil, dass sie eine an ihren Bedürfnissen orientierte Antwort bekommen. Wenn das Medium hochrangig war und zur Klärung der Fragen oder für Zitate ein Gespräch sinnvoll schien, hat es Interviews und Hintergrundgespräche mit der Fachebene gegeben. Eine wichtige Rolle spielt auch die Fachkunde des Fragestellers. Ich sehe es als Aufgabe der Pressestelle und nicht der Fachebene an, solchen Journalisten, die sich bisher offenkundig wenig mit dem Thema befassen konnten, die Grundlagen zu erläutern.
Viele Journalisten wollten bei den Ausbruchsermittlungen vor Ort live dabei sein. Diese Bitte wurde meist abgeschlagen. Warum?
Wir haben das nur sehr eingeschränkt machen können. Es beeinträchtigt und verzögert die Arbeit, wenn Journalisten mitlaufen, und parallel zur wissenschaftlichen Patientenbefragung auch zum Beispiel Persönlichkeitsrechte geschützt werden müssen. Gerade beim Fernsehen ist zudem der organisatorische Aufwand hoch. Wir haben das so zu lösen versucht, indem wir einzelnen Fernsehsendern Aufnahmen im Lagezentrum ermöglicht haben. Das haben wir dann aber als Poollösung organisiert, das heißt, diese Sender mussten sich bereit erklären, die Aufnahmen bei Anfragen an Dritte weiterzugeben. Daraus ergab sich bei einem Fernsehsender noch ein Dreh bei einer Patienten-Befragung. Zurückhaltender waren wir bei Zeitungen, weil da eine Priorisierung schwierig ist und meist keine Informationen ausgetauscht werden.
Politiker und Behörden haben ihr Krisenmanagement nach dem Ausbruch gelobt. In der Krise war die öffentliche Wahrnehmung eine völlig andere: Das EHEC-Krisenmanagement sei „langsam, unkoordiniert, verwirrend“ – so lauteten einige Vorwürfe. Wieso erscheint jede Krise inmitten der Krise dramatischer als im Rückblick?
Meine Wahrnehmung, die ich aber nicht durch Daten belegen kann, ist, dass bei einem Seuchengeschehen mit hohem Medieninteresse die Masse der Berichterstattung über Journalisten läuft, die eher selten Wissenschaftsthemen bearbeiten. Die kennen sich mit den zuständigen Behörden und deren Verwaltungsstrukturen aber nicht so gut aus. Ich fand es überraschend und zum Teil sogar ärgerlich, dass manche Journalisten offenkundig nicht bereit waren oder nicht die Zeit hatten, sich soweit kundig zu machen, dass man wusste, dass es für humanwissenschaftliche Aspekte zuständige Behörden gibt und solche, die lebensmittelbezogene Fragen zu klären haben und wie das Bundesinstitut für Risikobewertung Verzehrempfehlungen abgeben. Aber das Robert Koch-Institut ist wohl bekannter, und so wurden wir ständig mit Fragen konfrontiert, für die wir nicht zuständig sind und keine Expertise haben. Hinzu kam die Kritik am Föderalismus, der von jeher beliebtes Objekt medialer Kritik zu sein scheint. Vermutlich stehen die Journalisten bei einem solchen Ausbruchsgeschehen auch unter besonderem Zeitdruck und Berichtsdruck. Erreger machen nun einmal an Ländergrenzen nicht halt, ebenso wenig wie an Behördengrenzen.
Ist die Kritik an mangelnder Koordination nicht Aufgabe des Journalismus?
Klar, wenn sie berechtigt ist. In der EHEC-Welle wurden die Bundesländer zum Teil heftig kritisiert für ihr Handeln. Ich kann das nicht im Einzelnen bewerten. Aber zum Beispiel bezogen auf den Gurkenfund der Hamburger Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz hat das zuständige Bundesinstitut für Risikobewertung in einer Stellungnahme noch am gleichen Tag mitgeteilt: „Noch ist nicht bewiesen, dass auf den untersuchten Gurken der gleiche EHEC-Subtyp vorhanden war wie in den Stuhlproben der Erkrankten.“ In den Medien dagegen wurde der Fund tagelang als Durchbruch gefeiert. Aber zumindest die Pressemitteilung der Hamburger Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz lässt diesen eindeutigen Schluss nicht zu. Die Kritik an dem angeblichen Behördenwirrwarr hat sicher auch damit zu tun, dass sich kaum ein Journalist genauer mit deren jeweiligen Aufgabengebieten befassen konnte und viele Kommunikationsaktivitäten zwischen den Behörden nicht bekannt waren.
Die Idee, das ehemalige Bundesgesundheitsamt wieder zu beleben, halten Sie demnach wohl für keine bedenkenswerte Option?
Dazu müsste die Politik sich äußern, wenn etwas geändert werden soll. Ich habe diese öffentliche Forderung jedenfalls staunend vernommen. Soweit ich mich an die Krise mit HIV-verseuchten Blutprodukten erinnere, waren damals nicht alle glücklich mit der Größe des damaligen Bundesgesundheitsamtes. Am Beispiel EHEC kann man sehen, dass die einfache These, „zentrale Entscheidungen sind besser,“ nicht immer stimmt: In Hamburg sind zum Beispiel die Bereiche Gesundheit, Lebensmittel und Landwirtschaft in einer Senatsbehörde vereinigt. In Niedersachsen dagegen sind die Bereiche Gesundheit und Landwirtschaft auf zwei Ministerien verteilt. In Hamburg hat sich der Verdacht von EHEC-Erregern auf Gurken als Ausbruchsursache nicht bestätigt. In Niedersachsen dagegen hat sich die geäußerte Vermutung, dass Sprossen von einem bestimmten Hof die Quelle der Infektionen sind, letztlich bestätigt. Schon an solchen Fakten erkennt man, dass die Kritik am angeblichen Behördenwirrwarr eher pauschal und nicht immer stimmig war. Entscheidend ist eine reibungslose Zusammenarbeit zwischen kompetenten Experten, egal in welcher Behörde sie arbeiten.
Diese EHEC-Mikroben verursachten auch in der Kommunikationsabteilung
des Robert-Koch-Instituts Probleme.
Als der Landwirtschaftsminister von Niedersachsen öffentlich vor dem Verzehr von Sprossen warnte, herrschte aber zunächst Verwirrung in Berlin. Waren seine Äußerungen dort nicht abgestimmt?
Man kann im Rückblick sicher darüber diskutieren, ob die Informationspolitik der Länder in allen Situationen ideal war. Aber die Minister sind nun einmal verantwortlich für den Gesundheits- und Infektionsschutz ihrer Bürger. Sie stehen in einem sich rasch wandelnden Seuchengeschehen immer wieder vor der peinlichen Befragung der Journalisten, seit wann eine Information vorlag. Jeder Verantwortliche muss dabei einen Balanceakt vollführen: Er soll die Öffentlichkeit unverzüglich informieren, wenn sich ein verlässlicher Verdacht zeigt. Zugleich aber soll er auch nicht jeden bloßen Verdacht äußern, der gerade erst überprüft wird. Hier den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, wird während einer Krise immer eine Gratwanderung bleiben. Wir haben in der EHEC-Welle im RKI auch mal, zusammen mit dem Bundesinstitut für Risikobewertung, eine Pressekonferenz um 19 Uhr gemacht, zu der wir erst um 17 Uhr eingeladen hatten. Dabei ging es um die Warnung vor dem Verzehr von rohen Salaten, Gurken und Tomaten insbesondere in Norddeutschland. Wir haben damals die Chance gesehen, einen größeren Teil der Tagespresse und das Fernsehen – und damit die Bevölkerung – einen Tag früher zu erreichen.
Und dann meldet dpa in einer Eilmeldung schon um 19 Uhr 12: „RKI warnt vor Salat, Gurken und Tomaten aus Norddeutschland.“ Und sofort läuft der Bauernverband Amok, weil Gemüse bundesweit zu Sondermüll wird.
Unsere Botschaft haben viele falsch verstanden. Bei der Pressekonferenz hatten wir und vor allem auch das für Verzehrsempfehlungen zuständige Bundesinstitut für Risikobewertung vom Gemüseverzehr in Norddeutschland gesprochen, weil dort die meisten Infektionen auftraten. Das Missverständnis ist vielleicht dadurch erleichtert worden, dass wir das schriftliche Statement erst am nächsten Tag ins Internet gestellt haben. Im Nachhinein war das sicher nicht glücklich. Allerdings wurde in der Pressekonferenz mehrfach darauf hingewiesen, dass der Ursprung der Lebensmittel nicht bekannt ist, die den Ausbruch verursacht haben. Daraus lässt sich auch ableiten, dass es nicht um Gemüse aus einer bestimmten Region ging.
Es gab die zentrale Warnung des Bundesinstituts für Risikobewertung und des RKI, aber regional unterschiedliche Betroffenheiten in Bezug auf das Ansteckungsrisiko. Haben die Regionalzeitungen solche Unterschiede abgebildet?
Die Verzehrswarnung bezog sich vorwiegend auf Norddeutschland. Dort sind mit Abstand die meisten Fälle aufgetreten. Bei den meisten Fälle außerhalb von Norddeutschland gab es einen Bezug zu dieser Region. Aber der Ausbruch war ungeachtet der Regionalität ungewöhnlich groß, daher haben auch die überregionalen Medien berichtet, und die Lokalmedien nicht betroffener Regionen. Allerdings gab es ja auch eine Unschärfe des Ausbruchs. Man konnte keine scharfe Linie ziehen, solange die Quelle des Ausbruchs und damit die Vertriebswege unbekannt waren. Was meint „Norddeutschland“? Das wollten Journalisten wissen und wir konnten zunächst keine präzisen Antworten geben.
Am Ende lagen Sie mit ihrer Warnung knapp daneben. Es war nicht der Salat, sondern die Sprossen, die allerdings zusammen damit verzehrt wurden...
Daher war die Verzehrsempfehlung für roh verzehrte Tomaten, Gurken und Blattsalate auch wichtig. Dass der Erreger auch in einer Salatzutat stecken könnte ist von uns sicher mal gesagt, aber nicht betont worden. Es ist wichtig zu beachten, dass im Robert Koch-Institut nicht die Expertise für Verzehrempfehlungen existiert. Dafür ist das Bundesinstitut für Risikobewertung zuständig. Epidemiologen können aufgrund von standardisierten Befragungen sagen, dass sich ein erhöhtes Infektionsrisiko beim Verzehr dieser oder jener Lebensmittel ergeben hat.
Wieso wurden Sprossen als mögliche Zutat im Salat übersehen bei der Warnung?
Bereits bei der ersten intensiven Befragung von Hamburger Patienten war eine Vielzahl von tierischen und pflanzlichen Lebensmittel einschließlich Sprossen berücksichtigt worden. Bei dieser explorativen Befragung gaben nur 3 von 12 Patienten an, Sprossen verzehrt zu haben. Die befragten Patienten fielen durch eine besonders bewusste und aufmerksame Ernährungsgewohnheit auf, so dass eine relevante Untererfassung von Sprossen unwahrscheinlich schien. Es ist eine methodische Forderung und Standardvorgehensweise, möglichst nur solche Expositionen einzuschließen, die potenziell in der Lage sind, epidemiologisch einen großen Teil des Ausbruchsgeschehens zu erklären. Andernfalls erhöht sich bei Einschluss einer zu großen Anzahl von Expositionen die Gefahr fälschlich positiver Zusammenhänge.
Daher wurden die Sprossen zunächst nicht weiterverfolgt. Sprossen wurden in späteren ausführlichen Befragungen des RKI aber wieder berücksichtigt. Insgesamt gaben aber auch da nur 30 Prozent der Patienten an, Sprossen im angenommenen Infektionszeitraum verzehrt zu haben. Wirklich eindeutig waren Sprossen als Ursache erst in der Restaurant-Rezeptstudie identifizierbar, und das Ergebnis hat die Vertriebsweganalysen bestätigt und ergänzt.
Mir scheint, der erhöhte Zeitdruck und die journalistische Sehnsucht nach schnellen Antworten erleben alle Akteure in einer Krise als Zumutung. Auch die Wissenschaft. Wenn diese die erwünschte Klarheit nicht zeitnah liefern kann, stoßen in der Öffentlichkeit fachfremde Experten in die Lücke und stellen zum Teil wüste Theorien in den Raum. Liegt das vielleicht auch daran, dass die eigentlichen Akteure ihre Unsicherheiten nicht ausreichend thematisieren?
Schwer zu sagen. Uns ist schon bewusst, dass Unsicherheit thematisiert werden muss. Das haben wir auch versucht umzusetzen. In der ersten gemeinsamen Stellungnahme von RKI und BfR stand zum Beispiel der Satz „Der Verzehr von einem oder mehreren der genannten Lebensmittel würde einen Großteil der HUS-Fälle erklären, dennoch ist nicht auszuschließen, dass auch noch andere Lebensmittel als Infektionsquelle in Frage kommen.“ Es hätte auch die Salatsoße sein können, oder ein Gewürz. Betont man das aber zu sehr, dann kauft vermutlich kaum einer noch Salatsoßen oder Gewürze. Und man würde vermutlich dafür kritisiert, dass man ohne Hinweise bestimmte Lebensmittel diskreditiert. Wir haben vor allem gemerkt, wie entscheidend es ist, intensiver und vor allem aktiver über das eigene Handeln zu informieren. Es war zum Beispiel wenig bekannt, dass mit epidemiologischen Methoden generell nicht beweisbar ist, welches Lebensmittel genau Träger des Bakteriums ist, dazu sind die Analysen der Lebensmittelvertriebswege und die Untersuchung der Lebensmittel notwendig.
Es macht also Sinn zu erklären, was eine aufsuchende Epidemiologie leisten kann und was nicht?
Ja, es gab eine Phase im Verlauf der EHEC-Epidemie, wo man merkte, dass die Medien ungeduldig wurden. Bei manchen Journalisten gab es da wenig Verständnis und Sachkunde über die knifflige Detektivarbeit der Wissenschaftler. Dabei haben die Epidemiologen teilweise nachts und am Wochenende durchgearbeitet. Da gab es keine langen Wochenenden. Und deshalb schmerzt es besonders, wenn in einer Regionalzeitung plötzlich das Gegenteil zu lesen ist und der Wachdienst als Kronzeuge dient, zumal diese Zeitung eine renommierte Wissenschaftsredaktion hat. Solche Geschichten verstärken meinen Eindruck: Kritik kommt so oder so, daher sollte man wenigstens Fehler vermeiden, um keine Anknüpfungspunkte zu liefern. Eine aktivere Informationspolitik hilft zumindest in diesem Punkt: Man ist weniger angreifbar.
Im Verband der Wissenschafts-Pressekonferenz gibt es Überlegungen, mitten in Krisen wie EHEC „Skype“-Konferenzen abzuhalten, um die Fachkollegen schneller und dezentral mit zentralen Hintergrundinformationen versorgen zu können. Dabei könnten Wissenschaftsjournalisten Einschätzungen der Lage austauschen und offene Fragen an Experten über zeitnah zu erwartende Ergebnisse stellen. Was halten Sie von so einem Modell?
Das klingt wie eine kluge Idee, bei der man gemeinsam überlegen sollte, wie man das konkret umsetzen könnte. Es wäre in einer kritischen Lage, in der Pressestellen, Fachbehörden und Politik zeitlich massiv belastet sind, auf jeden Fall ein Vorteil, wenn die WPK oder der Arbeitskreis Medizinpublizisten sagen würden: Wir organisieren alles, ihr müsst uns nur einen oder zwei Referenten für eine Stunde stellen. Solche Multiplikatoren-Initiativen sind sinnvoll. Das wäre eine zeitliche Investition, die gut angelegt ist für die entscheidenden Fachleute in unserem Haus.
Welchen Satz über EHEC haben Sie in den Medien bisher vermisst?
Vermisst habe ich den Satz, wonach die Suche nach der Ursache dieses schweren EHEC-Ausbruchs im Grunde eine Erfolgsgeschichte ist. Aber nach dieser Berichterstattung ist das kein Wunder, die „Haupt-Botschaften“ in den Medien sind nachträglich kaum mehr zu korrigieren. Wenn man sich die Medienmechanismen anschaut, dann kann man daran zweifeln, ob es je einen größeren Krankheitsausbruch geben wird, ohne dass Vorwürfe über ein Zuständigkeitschaos oder Behördenwirrwarr erhoben werden.
Mit Susanne Glasmacher
sprach Volker Stollorz

Volker Stollorz
ist freier Wissenschaftsjournalist
und lebt in Köln.