Wahrheit und politische Agitation - Editorial

Nicht immer stimmt alles, was von Zeitungen, Rundfunkveranstaltern und Online-Diensten verbreitet wird. Das gilt vielleicht besonders dort, wo es um Wissenschaft geht. Vielleicht ist es aber auch nur so, dass Fehlern in der Wissenschafts-Berichterstattung eine größere Bedeutung zugemessen werden als in der politischen oder wirtschaftlichen, insbesondere von den Wissenschaftlern selbst. Deren Leben dreht sich schließlich um die Frage, ob etwas – wissenschaftlich betrachtet – wahr ist oder falsch. Möglicherweise ist es diesem Umstand zuzurechnen, dass manche von ihnen auch dort vom Wahren und Falschen sprechen, wo sie eigentlich das Gute und das Schlechte meinen. Verwickelt wird es, wenn vom Wahren gesprochen wird, obwohl das Gute gemeint ist, und im Eifer des Einsatzes für das wahre Gute, Unwahres behauptet wird. Dafür ist der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf Anfang des Jahres vom Kölner Landgericht verurteilt worden.
     Er hatte auf seinem Blog „Klimalounge“ (www.scilogs.de/wblogs/blog/klimalounge) Unwahrheiten über die Kölner Wissenschaftsjournalistin Irene Meichsner verbreitet, die geeignet waren, ihren Ruf zu beschädigen. Rahmstorf nahm Anstoß an einem aus seiner Sicht schlechten Bericht der Journalistin über eine Passage im IPCC Synthesis Report, die sich auf die Auswirkungen des Klimawandels in Afrika bezog. Die Journalistin warf dem IPCC vor, die Passage sei durch wissenschaftliche Studien nicht gedeckt, ein Vorwurf, den Rahmstorf als „frei erfunden“ qualifizierte.
     In einem Brief an die Frankfurter Rundschau, die den Bericht Anfang 2010 genau wie der Kölner Stadtanzeiger verbreitet hatte, forderte Rahmstorf die Zeitung dazu auf, sich in geeigneter Weise zu korrigieren. Das tat diese mit großer Geste auf einer Doppelseite, mit der sie sich in den Dienst all  jener stellte, die hinter kritischer, fehlerhafter oder wahlweise auch schlechter Klimaberichterstattung nichts weniger als eine Medienverschwörung vermuten, die darauf gerichtet ist, den anthropogenen Klimawandel zu bezweifeln und Anstrengungen zu unterlaufen, die auf eine Milderung seiner Folgen gerichtet sind.
   Diesem Einzelfall haben wir aus mehreren Gründen viel Raum gegeben. Er bietet Anschauungsmaterial für den anmaßenden Mißbrauch des Wahrheitsbegriffes durch einen international bekannten Klimaforscher, der im Gewande des wissenschaftlichen Experten vorgeblich Wahrheit fordert, tatsächlich aber – einem politischen Agitator gleich – für das aus seiner Sicht Gute streitet. Und: Er mag dazu anregen, sich unter Umständen auch
gerichtlich gegen Blogger zu wehren, die im Dienste ihrer Wahrheit mit leichter Hand Verunglimpfungen und/oder Häme unters Volk streuen.

Mit Ablauf des Jahres endet die Initiative Wissenschaftsjournalismus. Mehr als zehn Jahre lang wirkte diese Initiative und das vorausgegangene Qualifizierungsprogramm Wissenschaftsjournalismus in die Praxis hinein, durch Aus- und Weiterbildungsangebote, durch die Konferenz WissensWerte, durch Publikationen und Diskussionsrunden, durch den Medien-Doktor. Wir würdigen diese Initiative mit einem Rückblick auf das Mentoring-Programm, das jungen Wissenschaftlern den Weg in den Journalismus eröffnete. Darüber hinaus dokumentieren wir eine Rede von Christoph Koch, Ressortchef Wissenschaft beim Stern, die er auf dem Abschlussfest der Initiative in Dortmund Anfang Oktober gehalten hat. Es ist ein Plädoyer für einen „evidenzbasierten“ (Medizin-)Journalismus, dem die Widerspiegelung unterschiedlicher gesellschaftlicher Interessen und Experteneinschätzungen allein nicht mehr genug ist. Es ist zugleich ein Abgesang auf die immer noch verbreitete wissenschaftliche Anspruchshaltung,
den Journalismus als Anwalt eigener Kommunikationsbedürfnisse vereinnahmen zu können.

Die Wissenschafts-Pressekonferenz wird 25 Jahre alt. Sie feiert ihr Jubiläum mit einem Fest auf der diesjährigen WissensWerte in Bremen. Dies ist uns als Magazin dieses Berufsverbandes von Wissenschaftsjournalisten Anlass, zurück zu schauen und einen Ausblick zu riskieren auf die Anforderungen der Zukunft. Wir haben Wolfgang Mock, ein Gründungsmitglied der WPK, gebeten, seine Motive und Erfahrungen niederzuschreiben. Und wir wollten von Kai Kupferschmidt, erst seit kurzem Mitglied der WPK, wissen, welche Erwartungen er an diesen Berufsverband hat, der in die Jahre gekommen ist.

Natürlich beschäftigen uns auch die großen Wissenschaftsthemen des zu Ende gehenden Jahres, EHEC und die Kernschmelzen in Fukushima. Und wir beschäftigen uns noch einmal mit dem vermeintlich Arsen fressenden Bakterium GFAJ-1, jedenfalls indirekt. Martina Franzen geht der Frage nach, inwiefern die Publikation dieses umstrittenen Ergebnisses Ausfluss einer zunehmenden Ausrichtung an journalistischen Relevanzkriterien ist, die die beiden großen Journals Nature und Science kennzeichnet.

Das WPK-Quarterly versteht sich als Forum, das Diskussionen anregen sowie Entwicklungen im Wissenschaftsjournalismus beschreiben und  reflektieren will. Wir hoffen wie immer, dass uns das auch mit dieser Ausgabe gelungen ist und dass wir Anregungen und Einblicke geben, die für das praktische Tun von Wert sein können.

Markus Lehmkuhl

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Lehmkuhl Porträt

Markus Lehmkuhl
ist Projektleiter
an der FU Berlin,
Arbeitsstelle
Wissenschaftsjournalismus,
und leitet die
WPK-Quarterly
Redaktion.

 






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